Erfahrungsbericht: Meine Zeit in Kanada

Von Lisa

 

Mein Traum von Kanada

Schon immer hatte ich davon geträumt ins Ausland zu gehen. Nachdem ich es in der 11. Klasse irgendwie versäumt hatte ein Jahr „abroad“ einzulegen, so wie es viele meiner Mitschüler gemacht haben, wollte ich es auf jeden Fall nach dem Abi machen, um mir so auch vielleicht noch klarer darüber zu werden, was ich studieren möchte.

Beim Überschlagen der Kosten, wieviel ein paar Monate im Ausland so kosten können, war für mich schnell klar, dass ich vor Ort auf jeden Fall arbeiten will. Einerseits konnte ich mir so einen Teil meiner Reise finanzieren, andererseits dachte ich aber auch, dass länger an einem Ort zu sein und wie ein Einheimischer zu leben einem ein anderes Gefühl für ein Land vermittelt, als wenn man nur reist.

Kanada hat mich immer schon gereizt – ich mochte die Vorstellung von unendlicher Weite, Wäldern, rauer Natur, Bären, Bergen und quirligen Metropolen, weshalb für mich als Work and Travel-Ziel eigentlich nur das Land oberhalb der USA in Frage kam. 2013 hat die Visumsvergabe im Januar stattgefunden, im Juli sollte ich mit der Schule fertig sein und im August wollte ich losfliegen und neun Monate bleiben.

Mit der Visumszusage ging die Planung los

Sobald die Botschaft ihr Vergabeverfahren für die Visa geöffnet hatte, saß ich am Computer, nachdem ich vorher schon wochenlang immer geschaut hatte, wann ich denn nun endlich mein Visum beantragen kann. Nach meinem Antrag dauerte es circa sechs Wochen und dann bekam ich meine Zusage.

Mit diesem Moment begann für mich die konkrete Planung. Ich habe mir überlegt wo ich starten möchte (Vancouver stand für mich immer fest) und wie es dort dann weitergeht. Ich informierte mich über alles was ich wissen wollte im Internet und hatte auch kurz überlegt alles über eine Agentur abzuwickeln, hab mich dann aber wieder dagegen entschieden. Ich wollte alles selber und auf eigene Faust organisieren und nebenbei noch den ein oder anderen Euro sparen.

Ich buchte mir über das Internet meinen Flug von Frankfurt nach Vancouver, der mich knapp 800 € kostete und freute mich auf neun aufregende Monate. Vor meiner Abreise war ich mega aufgeregt, wusste nicht was mich erwartet und hab tausend Mal mein Gepäck kontrolliert, um zu gucken dass ich auch wirklich alles eingepackt habe.

Endlich angekommen!

Nach einem rund zehnstündigen Flug kam ich am 2. August in Vancouver an und wurde von angenehmen 27 Grad und strahlendem Sonnenschein begrüßt. Für die ersten Nächte hatte ich mich in einem Hostel in Gastown eingemietet, einem historischen Viertel in Vancouver. Ich wollte mich erstmal in der Stadt orientieren und zurechtfinden und dann entscheiden, wie ich weitermache.

Nachdem ich am ersten Tag entspannt die Stadt erkundet habe, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat, fing ich am zweiten Tag an mich mit dem organisatorischen Kram zu befassen. Ich beantragte meine Sozialversicherungsnummer und schnappte mir meinen Lebenslauf, den ich mir noch in Deutschland ins Englische übersetzt hatte. Nachdem ich 30 Kopien angefertigt hatte schlenderte ich durch die Straßen und ging einfach in jede Bar, jedes Restaurant und jedes Cafe rein, was nett aussah.

Ich wollte mit einem Job in der Gastronomie starten und mich dann für die Wintersaison auf einen Job in einem der Skigebiete bewerben. Nachdem ich nach zwei Tagen all meine Lebensläufe verteilt hatte erreichte mich auch tatsächlich ein Anruf aus einer Bar, in der ich nach einem Job als Kellnerin gefragt hatte. Der Chef lud mich zum Vorstellungsgespräch ein, zu dem ich ganz schön nervös hinging.

Mein erster Job

Meine Aufregung war aber unbegründet, Bill, der Chef war super nett, super locker und nach einem kurzen Gespräch über meine geplante Zeit in Kanada engagierte er mich vom Fleck weg. Einen Tag später könnte ich anfangen und das für 10 C$ die Stunde. Ich war super happy und vereinbarte eine wöchentliche Arbeitszeit von 25 Stunden. Mit dem Geld was ich dort verdiente und dem, was ich schon vor meiner Abreise gespart hatte, konnte ich problemlos mein Hostel bezahlen, Lebensmittel kaufen und ein bisschen was für meine noch anstehende Rundreise durch Kanada zurücklegen.

Über die Arbeit lernte ich super schnell nette Leute kennen, neben mir arbeiteten sogar noch zwei andere Work and Traveller in der Bar. Mit Edward aus England und Maria aus Spanien verstand ich mich so gut, dass wir uns auch in unserer Freizeit fast täglich trafen und gemeinsam die Stadt unsicher machten.

Eigentlich wollte ich nur einen Monat in Vancouver bleiben, da es mir aber so gut gefiel und ich mich in der Stadt und in der Bar mit den Leuten so wohl fühlte, wurden es dann doch zwei. Ich unternahm Ausflüge ins nahegelegene Weinanbaugebiet Okanagan, fuhr nach Vancouver Island um die Stadt Victoria zu erkunden und dachte sogar über einen Abstecher in das amerikanische Seattle nach, entschied mich dann aber dafür, doch nur in Kanada zu bleiben.

Noch von Vancouver aus hatte ich mich über meine Möglichkeiten informiert im Skigebiet in Whistler zu arbeiten, was eineinhalb Stunden von Vancouver entfernt liegt. Ich telefonierte verschiedene Hotels durch und fragte nach Jobs und fuhr von Vancouver aus für Vorstellungsgespräche sogar für einen Tag hin.

„Housekeeping“ in Whistler

In einem Hotel, das auf Wintersporttouristen spezialisiert war, fand ich relativ schnell einen Job und vereinbarte, ab dem 10. Oktober anzufangen. Meine Aufgaben in dem Hotel sollten das „Housekeeping“ sein, also das tägliche Saubermachen und Reinigen der Zimmer. 200 C$ im Monat wollte man mir bezahlen, dafür konnte ich umsonst in dem Hotel wohnen und sogar noch dort essen.

Auch einen Skipass für die Region sollte ich kostenlos erhalten und somit die Möglichkeit haben, an meinen freien Tagen Skifahren zu können. Ich fand den Deal super und genoss meine restlichen Tage in Vancouver. Von Edward und Maria verabschiedete ich mich schweren Herzens, sie reiste weiter nach Calgary und er musste schon wieder heimfliegen, da sein Work and Travel-Visum nach zwölf Monaten abgelaufen war.

Mit dem Bus gelangte ich wie auch schon zu meinen Vorstellungsterminen nach Whistler und bezog mein Zimmer in dem Hotel, das ich mir mit Lea teilen sollte, die ebenfalls aus Deutschland war. Die Arbeit war anstrengend. Ich arbeitete 40 Stunden die Woche, reinigte jeden Morgen rund 20 Zimmer, bezog die Betten neu, putzte das Bad, saugte Staub und füllte die Shampoo- und Seifenproben auf.

Relativ schnell wurde mir klar, dass der Job auf Dauer nichts für mich war und mir die Arbeit in der Gastronomie mehr Spaß gemacht hatte. Ich wollte aber nicht sofort wieder abbrechen und nahm mir selbst vor, zumindest bis kurz vor Weihnachten durchzuhalten. Ich schmiedete den Plan an Silvester in Toronto zu sein und wollte mir dort einen anderen Job suchen. An meinen freien Tagen konnte ich mir Equipment leihen, ging Skifahren und genoss die Zeit in den Bergen und in der Natur, freute mich aber schon wieder auf den nächsten Abschnitt und plante meine Fahrt nach Toronto.

Mit dem Zug nach Toronto

Von Vancouver aus wollte ich mit dem Zug nach Toronto fahren, was viereinhalb Tage dauern sollte und für mich nach dem ultimativen Abenteuer klang. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, dem 26.

Dezember war ich zurück in Vancouver, nachdem ich mich von meinen netten Kollegen im Hotel verabschiedet hatte und setzte mich in den Zug nach Toronto. Ich hatte einen Sitz, den man zu einem Bett umfunktionieren konnte und erwachte jeden Morgen mit Wahnsinnsausblicken und tollem Panorama, sodass die Zeit wie im Fluge verging.

Diese Zugreise war zwar nicht ganz günstig, aber so einmalig und unbeschreiblich, dass ich nicht bereue sie gemacht zu haben. Wir sind durch die verschneiten Berge der Rocky Mountains gefahren, an Seen und Wäldern vorbei, ich habe die tolle Natur Kanadas erleben dürfen und kam nach einer langen Reise erschöpft aber glücklich in Toronto an.

Die ersten Hostels, die ich ansteuerte (ich hatte nichts vorgebucht) waren alle voll, da es kurz vor Silvester war und die Stadt ziemlich bevölkert. Nach ein paar Fehlversuchen fand ich ein Hostel, in dem ich auch für mehrere Nächte bleiben konnte und lernte direkt auf dem Zimmer eine Gruppe Holländerinnen kennen, mit denen ich dann auch die Silvesternacht verbrachte.

Einen Tag nach Neujahr startete ich mit der Jobsuche und zog von Bar zu Bar, um wieder einen Job in der Gastronomie zu ergattern. Ich hatte Glück und konnte direkt einen Tag später in einem Restaurant als Spülhilfe anfangen und hatte super nette Kollegen und ein tolles Team, mit dem das arbeiten in der Küche richtig Spaß machte.

Brrr….Winter in Kanada sind echt kalt

Das einzige was mich doch mehr störte als ich dachte waren die Kälte und der Schnee. Jeden Tag Minusgrade, nachts teilweise -20, -25 Grad waren keine Seltenheit und die frühe Dunkelheit und das Wetter setzten mir zu. Zwei Monate arbeitete ich in dem Restaurant, bis ich mich dazu entschloss ab März zu reisen und meine letzten zwei Monate in Kanada zu nutzen, bevor es ab Mai für mich wieder zurück nach Deutschland ging.

Ich sparte so viel Geld wie ich konnte und erarbeitete mir eine Route von Toronto nach Quebec, über Montreal und dann weiter nach Nova Scotia. Ich wollte die entlegenen Ecken Kanadas kennenlernen und fernab des Gewusels die Natur erleben. In meinem Hostel lernte ich ein Mädchen kennen, die ähnliches vorhatte, sodass wir unsere Reisepläne zusammenlegten und uns dazu entschieden, uns ab Montreal für 3 Wochen ein Auto zu mieten.

Meine Reise durch Kanada

Wir erkundeten Montreal, das französischsprachige Quebec mit der historischen Altstadt und verbrachten anschließend 20 Tage in Nationalparks und in der Natur von Nova Scotia. Wir schliefen in günstigen Unterkünften, hatten drei Mal das Glück couchsurfen zu können und hatten eine super Zeit.

Meinen Rückflug, der von Vancouver gehen sollte hatte ich mittlerweile umdisponiert, sodass ich von Toronto zurückfliegen konnte, nachdem unsere Rundreise beendet war. Nach Vancouver kamen wir von Montreal aus wieder mit dem Bus, da wir das Auto wieder abgeben mussten.

Je näher mein Rückflug rückte, desto gemischter wurden meine Gefühle. Einerseits freute ich mich auf zu Hause, andererseits konnte ich noch nicht glauben, dass das Abenteuer Kanada so schnell vorbeigegangen war. Zu Hause wartete auf mich der deutsche Sommer, ein Umzug nach Berlin und dann der Studienbeginn im Herbst. Ich war froh und traurig zugleich und stieg schließlich schweren Herzens in den Flieger.

Die Zeit meines Lebens

Meine Zeit in Kanada wird mir als unvergesslich in Erinnerung bleiben. Ich habe so viele tolle Leute kennengelernt, mit denen ich auch jetzt noch Kontakt habe, ich habe einen Teil des Landes gesehen (hätte mehr sein können, aber so habe ich einen Grund nochmal hinzufliegen), habe unglaublich freundliche Menschen getroffen, nette Jobs gehabt, unzählige Eindrücke gesammelt und fast keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Einzig die Reisezeit war nicht ganz optimal gewählt, da mir der Winter doch mehr zusetzte als ich dachte. Wäre ich in dem Skigebiet geblieben oder hätte mir dort einen anderen Job gesucht, hätte ich den Winter vielleicht mehr genießen können. In der Metropole Vancouver fühlte ich mich aber irgendwie wohler und bin im Nachhinein froh, dass alles so war wie es war.

Allen, die darüber nachdenken ebenfalls für Work and Travel nach Kanada zu gehen kann ich nur raten:

Macht es, es lohnt sich!

Eure Lisa

You may also like...